ABIS
Institut für systemische Kompetenz

Reframing-Übung: ein Verhalten neu rahmen

„Er hört einfach nicht zu.“ Diesen Satz hat fast jeder schon einmal gedacht. Er fühlt sich an wie eine Tatsache. Dabei steckt schon eine Erklärung darin, und Erklärungen lassen sich austauschen.

Genau das übt eine Reframing-Übung. Du beschreibst zuerst, was jemand tut. Dann suchst du Deutungen, die zu denselben Tatsachen passen. Das Verhalten bleibt, wie es ist. Beweglich wird, was du darüber denkst. Drei Schritte, etwa zehn Minuten mit Stift und Papier.

Was ist Reframing?

Reframing heißt Umdeuten. Der Begriff kommt aus der systemischen Therapie. Paul Watzlawick, John Weakland und Richard Fisch beschrieben ihn 1974 in Lösungen als eigenständiges Werkzeug: den begrifflichen und gefühlsmäßigen Rahmen einer Situation verändern, während die Tatsachen stehen bleiben.

Quelle: Paul Watzlawick, John H. Weakland, Richard Fisch: Lösungen. Zur Theorie und Praxis menschlichen Wandels. Bern 1974 (englisch: Change, New York 1974).

Zwei Arten sind gebräuchlich. Beim Kontextreframing tauschst du die Situation aus: Sturheit macht im Streit müde und trägt beim Durchhalten eines Vorhabens. Beim Bedeutungsreframing tauschst du die Deutung aus: Aus „sie kontrolliert mich“ wird „sie hat Angst, dass etwas schiefgeht“. Dieselbe Szene, anderer Rahmen.

Wie geht eine Reframing-Übung?

Nimm dir eine konkrete Person und eine konkrete Situation. „Die Menschen“ reichen nicht.

Schritt 1: Beschreibe, was eine Kamera sehen würde

Streiche alles, was schon eine Deutung ist. „Er ist rücksichtslos“ ist eine Deutung. „Er redet weiter, während ich noch spreche“ ist eine Beobachtung. Wer diesen Schritt überspringt, deutet eine Deutung um und dreht sich im Kreis. Das ist der häufigste Fehler.

Schritt 2: Such drei Erklärungen, die genauso gut passen

Nicht die netteste, die plausibelste. Frag dich: Welche Fähigkeit steckt in dem Verhalten? Welches Bedürfnis könnte dahinterstehen? Wofür ist es in dieser Gruppe vielleicht nützlich? Bei einer Erklärung bleibst du im alten Rahmen. Bei zweien wählst du zwischen gut und böse. Ab drei wird es interessant.

Schritt 3: Prüfe, was sich ändert

Geh die drei Deutungen durch und achte auf deinen Körper. Bei einer wird es meistens etwas ruhiger. Mit der arbeitest du weiter, nicht weil sie wahr ist, sondern weil sie dich beweglich macht.

Was ist ein Beispiel für positives Reframing?

Die Kollegin, die in jeder Besprechung als Erste widerspricht.

Beobachtung: „Sobald ein Vorschlag im Raum steht, nennt sie zuerst, was daran nicht funktioniert.“

  • FähigkeitSie sieht Schwachstellen, bevor sie Geld kosten. In einem Team, das gern schnell einig ist, kommt das selten vor.
  • BedürfnisVielleicht will sie, dass es diesmal hält. Wer ein gescheitertes Projekt ausgebadet hat, prüft gründlicher.
  • FunktionSolange sie widerspricht, muss es niemand sonst tun. Sie hält die Rolle der Bedenkenträgerin für die ganze Gruppe und wird dafür genauso zuverlässig kritisiert.

Achte darauf, was hier fehlt: Niemand behauptet, ihr Verhalten sei angenehm. Aus einer einzigen Erklärung werden mehrere, und damit aus einer Sackgasse eine Kreuzung.

Funktioniert Reframing wirklich?

Bei Ärger im Alltag ziemlich verlässlich. Ärger entsteht selten am Verhalten selbst. Er entsteht an der Erklärung, die du ihm gibst. Ändert sich die Erklärung, geht das Gefühl mit. Du merkst das sofort, wenn dir jemand sagt, der drängelnde Autofahrer bringe gerade sein Kind in die Notaufnahme.

Und jetzt die Grenze, die in Ratgebern gern fehlt. Wo dir jemand tatsächlich schadet, wo Gewalt, Krankheit, Sucht, Diskriminierung oder ein echter Verlust im Spiel sind, ist Umdeuten nicht nur wirkungslos, sondern übergriffig. Ein Verhalten, das dich verletzt, wird nicht besser, weil du eine freundlichere Lesart dafür findest. Dort brauchst du eine Grenze. Manchmal Hilfe von außen.

Die Faustregel: Reframing ist für Ärger gemacht, nicht für Leid.

Wenn du beim Umdeuten das Gefühl hast, du müsstest dich selbst überreden, hör auf. Das Gefühl hat meistens recht.

Oder lass dir sieben Blicke schenken. Du beschreibst das Verhalten, sieben systemische Stimmen deuten es neu.

Sieben Blicke starten Drei Minuten, kostenlos, ohne Anmeldung.

Häufige Fragen

Wie lange dauert eine Reframing-Übung?

Mit Stift und Papier etwa zehn Minuten für die drei Schritte. Die geführte Fassung, Sieben Blicke, dauert rund drei Minuten: Dort werden dir die Deutungen vorgeschlagen, du wählst nur noch aus.

Ist Reframing dasselbe wie positives Denken?

Nein. Positives Denken sagt: Sieh es doch nicht so schwarz. Reframing sagt: Zu denselben Tatsachen passen mehrere Erklärungen, such dir die brauchbarste. Gute Laune verlangt dir dabei niemand ab. Dass dich etwas ärgert, bleibt stehen.

Muss ich der neuen Deutung glauben?

Nein. Eine Umdeutung ist eine Hypothese. Sie muss möglich sein und dir Luft verschaffen. Ob sie stimmt, weiß nur die andere Person, und oft nicht einmal die.

Funktioniert Reframing auch bei mir selbst?

Ja, und oft wirkt es dort stärker. Dieselben drei Schritte auf das eigene Verhalten angewendet nehmen einer harten Selbstbewertung erstaunlich schnell die Schärfe.

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Zuletzt aktualisiert: Juli 2026 · Geschrieben von der ABIS GmbH – Institut für systemische Kompetenz, Leipzig. Wir lehren systemisches Denken seit 1992.